alte_Spinnerei

(Bild 1/2) ©Stadtarchiv Offenburg

Die 1857 gegründete und 2008 stillgelegte Spinnerei und Weberei war über Jahrzehnte der größte Arbeitgeber in der Stadt. In seinem Buch »D’ unter Fabrik« zeichnet der Historiker Volker Ilgen die Geschichte des Unternehmens nach. In einer siebenteiligen Serie veröffentlichen wir Auszüge daraus. Heute: die Anfänge der Fabrik.

Nicht umsonst betonte Haager in seiner Projektvorstellung, dass die Ortenaustadt an die Eisenbahn angebunden sei, mit dem neuen Verkehrsmittel also erstklassige Transportmöglichkeiten für die Heranschaffung des Rohmaterials Baumwolle und den Abtransport der produzierten Waren, Garne und Tücher, bestünden. In der Tat hatte der Bau der badischen Hauptbahn zwischen Heidelberg und Basel mit der Herstellung des letzten Abschnitts zwischen Haltingen und Basel-Stadt nach längeren Verhandlungen mit den Schweizern vor gerade einmal zwei Jahren, das heißt 1855, seinen krönenden Abschluss gefunden.

Die Anbindung von Offenburg selbst und die wichtige Stichstrecke nach Kehl beziehungsweise Straßburg, mithin zum Rhein als einer weiteren Verkehrsader, wurden bereits 1844 fertiggestellt.

HINWEIS: Volker Ilgen, »D unter Fabrik«, Geschichte der Spinnerei und Weberei, 128 Seiten, 12,90 Euro, ist im örtlichen Buchhandel und im Museumsshop erhältlich.

In ihrer Hochzeit war die 1857 gegründete und 2008 stillgelegte Spinnerei und Weberei über Jahrzehnte die größte Arbeitgeberin der Stadt. In seinem Buch »D’ unter Fabrik« zeichnet Autor Volker Ilgen (62) die Geschichte des Offenburger Unternehmens nach. In einer siebenteiligen Serie veröffentlichen wir Auszüge daraus. Zum Serienstart haben wir den Freiburger Historiker, der übrigens im Juli nach Offenburg zieht, zum Interview gebeten. 
 

Was hat Sie bei der Recherche für das Spinnerei-Buch am meisten überrascht?
Volker Ilgen: Dass die Spinnerei von sich selber, obwohl sie eine große Arbeitgeberin, eine große Steuerzahlerin und hier im süddeutschen Raum äußerst gut aufgestellt war gegenüber den Konkurrenzunternehmen, so wenig von sich reden gemacht hat hinsichtlich der Außendarstellung, des Sponsorings oder des Auftritts in Verbänden. Darüber bin ich am meisten erstaunt gewesen.
Dabei hätte die Spinnerei Grund zum Protzen gehabt: Verdeutlichen Sie den Offenburgern mal die Bedeutung der Spinnerei als Wirtschaftsfaktor!
Ilgen: Die Fabrik war sehr lange die größte Arbeitgeberin Offenburgs und auch über viele Jahre die größte Steuerzahlerin, was ja für eine Stadt nicht unwesentlich ist. Von daher hat es immer eine sehr enge Zusammenarbeit gegeben. Ende der 1950er-Jahre wurde dann der Höchststand an Arbeitskräften mit 1400 Mitarbeitern erreicht. Saisonal hat das ja immer sehr geschwankt und richtete sich nach der Geschäftslage. Im Winter hatte man mehr Arbeitskräfte, im Sommer weniger.
War man auf Augen­höhe mit der Bahn? Diese war schließlich auch eine große Playerin in Offenburg.
Ilgen: Ja, das würde ich schon sagen, wobei die Spinnerei auf die Bahn angewiesen war, weil über die Schiene ihre Produkte nach auswärts rollten und auch das Rohmaterial, die Baumwolle, mit der Bahn herantransportiert wurde. Es gab zwischendurch mal die Überlegung, die Waren über den Rhein zu verschiffen. Doch davon hat man Abstand genommen.
Welche Produkte brachte die Offenburger Spinnerei hervor?
Ilgen: Das sind im Grunde­ keine Fertigprodukte, keine Textilwaren, kein Hemd, keine Hose oder Ähnliches, sondern die Spinnerei und die Weberei haben für Weiterverarbeiter hergestellt, also Garne und Tuche. Aus den Tuchen wurden dann beispielsweise während der Kriege Uniformen geschneidert, man konnte Fahnen daraus herstellen und vieles andere mehr. Und die Garne brauchte die textilverarbeitende Industrie, um daraus entsprechende Kleidung herzustellen.
Wieso war die Schließung der Spinnerei unweigerlich?
Ilgen: Einfach aufgrund der weltmarktlichen Entwicklung. In den 1950er-Jahren hat die Spinnerei und Weberei den Versuch unternommen, mit synthetischen Garnen zu arbeiten, also Kunstfasern, das hat auch eine Zeitlang funktioniert. Aber spätestens Ende der 60er-Jahre, als wieder die Baumwolle das dominierende Textilmaterial wurde, war dieser Boom dann vorbei. Spätestens in dieser Zeit haben sich praktisch alle deutschen Textilbetriebe vom Marktgeschehen verabschiedet. 
Es kommt nicht von ungefähr, dass in Offenburg zuerst die Weberei stillgelegt wurde und dann die Spinnerei immerhin noch 30 Jahre produziert hat, wobei man die letzten Jahre eigentlich nicht mehr richtig als Produktionszeitraum werten kann. Die Weberei war immer so ein bisschen das Sorgenkind dieser Doppelfabrik. 
Wieso waren die Gastarbeiter nicht wohlgelitten?
Ilgen: Das ist ganz unterschiedlich. Zum einen gab es die Arbeitnehmerseite: Da waren die Gastarbeiter nicht gelitten, weil sie zu niedrigeren Löhnen gearbeitet haben als die Einheimischen. Das andere war, dass viele von den Gastarbeitern nach Meinung der Firmenleitung vergleichsweise unzuverlässig waren,  schludrig arbeiteten oder nicht pünktlich kamen. Das wurde ständig beklagt. 
Und die Arbeiterinnen?
Ilgen: Kurz vor 1900 hat es eine große Anwerbung weiblicher Kräfte aus Norditalien gegeben, zum Teil aus der damaligen k.u.k.-Monarchie, die dann hierherkamen, natürlich nur italienisch sprachen und sich mit der hiesigen Bevölkerung nicht verständigen konnten. Sie wurden sofort unter die Aufsicht einer Nonne gestellt, die aufpasste, dass es zu keinen sittlichen Verfehlungen kam. Es waren junge Mädchen, die hier kaserniert wurden, 14 Stunden am Tag gearbeitet haben und dann todmüde auf ihr nicht so schönes Lager gesunken sind. 
Die sogenannten Welschen waren in Offenburg auch nicht wohlgelitten, weil sie eine andere Kultur und ein anderes Temperament hatten. 
Was für ein Typ war eigentlich der legendäre  Wilhelm Bauer sen.?
Ilgen: Der Vater Bauer hat ja im Grunde 1902 ein Unternehmen übernommen, was nicht so exzellent dastand. In den Anfangsjahren merkt man noch nicht seine Handschrift. Da war er mit Abwicklungs- und Rekonstruktionsarbeiten beschäftigt. Er unternahm alles, um dieses Unternehmen in die Moderne zu führen. Er hat die Spinnerei dann 30 Jahre sehr gut geleitet und war auch bei seiner Arbeiterschaft wohl sehr beliebt. Natürlich war das ein Patriarch. Die deutsche Wirtschaft war eben entsprechend organisiert, und er war selbstverständlich ein Teil davon. 
Und sein Sohn Dr. Wilhelm Bauer jun.?
Ilgen: Der Sohn hat in den 1920ern eine sehr ausgedehnte Studienreise in die USA unternommen und dabei neue Herstellungs- und Vertriebsmethoden kennengelernt. Er war auch in China und anderen baumwollproduzierenden Ländern und hat dort sicher sehr viele Anregungen bekommen, von denen er Ende der 20er- und in den 30er-Jahren verschiedene Sachen umgesetzt hat – insbesondere indem er statt der bis dahin benutzten französischen und deutschen Maschinen amerikanische in seinem Werk zum Einsatz gebracht hat, die rationeller und schneller arbeiteten. 
Weite Teile der Spinnerei sind ja jetzt abgerissen worden. Löst das bei Ihnen als Historiker Wehmut aus?
Ilgen: Jein, um ein Wort Willy Brandts zu benutzen. Auf der einen Seite hat man als Historiker eher einen Blick nach hinten, ohne die Gegenwart aus den Augen zu verlieren. Insofern ist es immer eine problematische Sache, wenn eine alte Institution so sang- und klanglos von der Bildfläche verschwindet. Auf der anderen Seite muss man konzedieren, dass es neue Technologien gibt und Arbeitsplätze sich verlagern. Die Textilindustrie in Deutschland schwächelte ja nicht erst in den letzten 30 Jahren. 
Eigentlich ging das schon in den 1920er-Jahren los, als neue Konkurrenten, gerade aus dem Commonwealth, etwa Indien, auf den Markt drängten und die deutschen Textilunternehmen und natürlich auch die Spinnerei und Weberei mit dieser ausländischen Konkurrenz zu kämpfen hatten und eigentlich nur noch durch ihre Spezialangebote und die Qualität den Markt überzeugen konnten.
Finden Sie, dass die Spinnerei durch die erhalten gebliebenen Gebäude noch gut abgebildet wird?
Ilgen: Ja, man könnte schon sagen, dass durch das Ensemble, das jetzt stehen bleibt – Villa Linse, Villa Bauer, Werkswohnungen, Weberei-Hochbau und Kesselhaus –, dieses alte Industrieunternehmen einigermaßen repräsentativ dargestellt wird. 
Neben dem Erhalt einiger Gebäude und Ihrem Buch: Wie könnte man außerdem an die Spinnerei und ihre Geschichte erinnern?
Ilgen: Es ist ja mal diskutiert worden, ob man ein kleines Industriemuseum betreiben möchte. Das ist aber finanziell kaum darstellbar, und da wir in Offenburg mit dem Ritterhaus ein sehr schönes und gut funktionierendes Museum haben, in dem die Spinnerei und Weberei auch vertreten ist, sollte es damit sein Bewenden haben. Ansonsten bieten sich Hinweistafeln mit Fotos an, um die Spinnereigeschichte zu dokumentieren.